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Damit die Stars den richtigen Ton treffen

Aachener Zeitung/Aachener Nachrichten, 24.01.2020
von Robert Esser

Über 70.000 Watt aus rund 30 Boxen stehen Bands, Sängern und Sprechern im Eurogress zur Verfügung. Die Crew rüstet kräftig auf.

Aachen Musik tönt: 19.000 Watt pro Seite, fast fünf Meter hoch, jeweils 580 Kilogramm schwer: Das allein sind die imposanten Eckdaten der Boxentürme, die im großen Europa-Saal rechts und links der Bühne frontal von der Eurogress-Decke herabhängen. „Line Arrays“ nennt der Fachmann diese vertikalen Lautsprechersäulen. In der laufenden Saison haben die Technikspezialisten in Aachen noch einmal nachjustiert, um bestmöglichen Klang zu gewährleisten – bei Rockkonzerten, für Comedians, für das Sinfonieorchester und natürlich Karnevalssitzungen. Ein Balance-
akt mit viel Druck. Buchstäblich.

In der Aachener Region gibt es nichts Vergleichbares: Über 70.000 Watt aus gut 30 im Saal verteilten Lautsprecherboxen stehen den Tontechnikern insgesamt zur Verfügung. Hochtöner, Mitteltöner, Bässe – alles bis auf die kleinste Nuance einstellbar. „Es ist eben ein großer Unterschied, ob man ein Tagungsprogramm mit einem einzelnen Sprecher auf der Bühne, ein Klassik-Konzert, eine Rockband oder eine ganze Karnevalssitzung tontechnisch vorbereitet“, erklärt der technische Leiter Axel Dresbach im Eurogress. „Die größte Herausforderung besteht darin, für jede Art von Show den individuellen Sound zu kreieren“, sagt er. Deswegen hat das Eurogress investiert: zuletzt mehrere Hunderttausend Euro in Tontechnik und in eine solide und versierte Crew. Dresbach zählt auf Sebastian Böhland, Achim Siemons, Sebastian Mahjerke und sieben weitere Mitarbeiter.

Die Zeiten, in denen man ein paar Drehknöpfe und Schieberegler an einem Mischpult nach rechts oder links, nach oben oder unten fingerte, sind längst vorbei. Alles digital: 72 Kanäle landen in der Tonloge, genannt FoH („Front of House“), oberhalb der Empore auf der anderen Seite des Saals – direkt gegenüber der Bühne. Hinter einer Glasscheibe in einem kleinen Raum thront der Tonmeister vor einem meterlangen Mischpult mit einem Dutzend Displays. Hier kommen alle Töne an – aus den Mikrofonen, von Instrumenten. Aber auch vorgefertigte Einspieler – etwa die Musikplaybacks der Karnevalsgruppen – werden von hier gesteuert.

Aber nicht ausschließlich: Da FoH oberhalb des Saalpublikums platziert ist, kann der dort arbeitende Tonmeister kaum feststellen, wie der Klang aus den gigantischen Boxen unter ihm im Publikumsparkett klingt. Bis zu 1700 Zuschauer im Europa-Saal hören völlig anders. Darum ist die Eurogress-Toncrew mobil. Mit einem flachen Tablet-Computer in der Hand bewegt sich der Tonchef bei Veranstaltungen durch den Saal; er kann den Klang der kompletten Anlage von jeder Position kabellos nachjustieren, ebenfalls in allen Nuancen.

„Die größte Herausforderung besteht darin, für jede Art von Show den individuellen Sound zu kreieren.“

Axel Dresbach, technischer Leiter des Eurogress

Die hochkomplexe Arbeit wird umso schwieriger, weil die Größe des Saals sogenannte „Delay Lines“ unter dem Balkon verlangt. Diese Lautsprecher unter der Zuschauerempore beschallen auf kürzestem Weg die Besucher, die am weitesten von der Bühne entfernt sind. Der Schall von den Bühnenlautsprechern ist aber länger unterwegs, weil die Tonquelle weiter entfernt ist. Man spricht von Laufzeitverzögerungen. Wenn diese aufgrund der unterschiedlichen Entfernung der Lautsprecher zu den Hörern nicht ausgeglichen wird, entsteht Tonbrei. Der Klang wird intransparent.

Zusätzlich problematisch ist die Wandverkleidung. Sie wurde eigens für das Sinfonieorchester angebracht und verlängert kunstfertig den Nachhall. „1,7 bis 2,3 Sekunden Nachhall sind in der Klassik optimal“, rechnet Dresbach vor. Sonst würde Klassik fad und leblos klingen. Aber: Für den Klang von Rock- und auch Karnevalsbands ist genau dieser Nachhall „tödlich“. Was wiederum die tontechnischen Gegenmaßnahmen der Digitalprofis am Mischpult erschwert. Man ist immer auf der Suche nach dem besten Kompromiss. „Von großer Bedeutung für einen satten und knackigen Sound bei Pop- und Rockkonzerten ist deshalb das Publikum. Wenn es richtig voll ist, dämpft die Menschenmasse hörbar den Hall – das ist perfekt“, erläutert Dresbach.

Zurück zu den riesigen „Line Arrays“. Sie werden neuerdings – je nach Veranstaltungsformat – nicht nur klanglich justiert oder mit weiteren Bassboxen für laute Konzerte verstärkt, sondern an Kettenzügen auch auf andere Positionen gehievt. „Wenn der Aachener Karnevalsverein zur Fernsehsitzung ,Orden wider den tierischen Ernst’ lädt, fahren wir vier der fünf verfügbaren Bühnenpodien hoch“, erläutert der technische Leiter. Die Bühnenflächen, die teilbar auf ausfahrbare Hydraulikstempel im Kellerfundament montiert sind, wachsen dadurch und reichen weiter ins Publikum hinein als bei allen anderen Karnevalssitzungen im Eurogress. Entsprechend passt die Crew die Position der „Line Arrays“ – weiter nach vorne oder nach hinten – an.

Doch grundsätzlich gilt: Der Klang aus den Boxen kann nur so gut sein wie der Ton, den die jeweilige Band den Eurogress-Technikern zur Lautsprecherverstärkung bietet. „Das Mischpult ist keine Kläranlage“, lautet ein altes Toningenieur-Sprichwort. Namhafte Bands – darunter Querbeat und Kasalla – packen ihre eigene Tontechnik und Beschallungsanlage bei Konzerten in Aachen erst gar nicht mehr aus. Das gilt auch für WDR-Fernsehsendungen wie die Ordenverleihung. Alles hausgemacht.

Weil eben nicht der Ton die Musik macht – eher umgekehrt.

 

 

 

 

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